Die 10 größten deutschen Medien- und Wissenskonzerne 2023

Die 100 größten Medien- und Wissenskonzerne 2023

Lesedauer:

8–11 Minuten

59. ProSiebenSat.1 SE (3. in DE)

Umsatz 2024: € 3,918 Mrd.

Überblick

Die ProSiebenSat.1 Media SE wurde 2000 aus der ProSieben Media AG und der Sat.1 GmbH gegründet. Der Konzern ist unterteilt in drei Segmente: Entertainment (Kerngeschäft mit 15 Free- und Pay-TV-Sendern), Commerce & Ventures (Bündelung von Beteiligungen an E-Commerce-Unternehmen), Dating & Video (ParshipMeet Group).

Basisdaten

Hauptsitz:
Medienallee 7
85774 Unterföhring
Deutschland
Telefon: 0049 89 9507-10
Website: prosiebensat1.de 

Branchen:
TV-Sender, TV-Produktion, E-Commerce, Dating-Plattformen
Rechtsform: Aktiengesellschaft
Geschäftsjahr: 01.01. – 31.12.
Gründungsjahr: 1984 (Sat.1), 1989 (ProSieben), 2000 (ProSiebenSat.1 Media AG), 2015 (ProSiebenSat.1 Media SE)

Ökonomische Basisdaten (Beträge in Mio. €)

2024202320222021202020192018
Umsatz3.9183.8524.1634.4944.0474.1354.009
Betriebsergebnis (EBIT)-41-87236552553578384
Aktienkurs (in €, Jahresende)5,135,568,3514,0113,7613,6314,55
Beschäftigte7.0417.1887.2847.9067.3077.2536.583

Geschäftsführung

Vorstand:

  • Bert Habets, Vorstandsvorsitzener (seit 01.11.2022)
  • Martin Mildner, Vorstandsmitglied & Finanzvorstand (Group CFO)
  • Markus Breitenecker, Vorstandsmitglied & Chief Operating Officer (COO)Wolfgang Link, Vorstand, Entertainment

Aufsichtsrat:

  • Dr. Andreas Wiele, Vorsitzender, General Partner bei Giano Capital Management, Luxembourg
  • Prof. Dr. Cai-Nicolas Ziegler, stellvertretender Vorsitzender, CEO bei doctari group, Berlin
  • Leopoldo Attolico, Unabhängiger Berater
  • Katharina Behrends, General Manager (DACH) bei MFE – MediaForEuropa N.V., Amsterdam
  • Klára Brachtlová, Chief External Affairs Officer bei CME (Central European Media Enterprise), Prag
  • Dr. Katrin Burkhardt, Unabhängige Unternehmensberaterin, Berlin
  • Thomas Ingelfinger, Mitglied in verschiedenen Aufsichtsräten
  • Christoph Mainusch, Unabhängiger Medienberater
  • Simone Scettri, Vorsitzender des Fachausschusses für Rechnungslegungsstandards / Stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrats des Organismo Italiano di Contabilità (OIC), Rom

Geschichte

Zu Beginn war der Konzern ein Teil des Kirch-Imperiums. Der Filmhändler Leo Kirch (1926-2011) hatte im Oktober 2000 die Fusion der Sender Sat.1 und ProSieben initiiert – zuvor hatten die Konzentrationsregeln dies nicht erlaubt. Daher stand lange sein Sohn Thomas Kirch offiziell an der Spitze von ProSieben. Im Zuge der Fusion erwarb die Axel Springer AG einen 11,5-prozentigen Anteil an der neuen ProSiebenSat.1 Media AG. Springer war zuvor bereits an Sat.1 beteiligt gewesen; Kirch wiederum hielt 40 Prozent an der Springer AG. Nachdem 2001 Zweifel an Kirchs Zahlungsfähigkeit aufgekommen waren, verkaufte Springer-Chef Mathias Döpfner den ProSiebenSat.1-Anteil für 790 Millionen Euro. Er spekulierte darauf, bei einer Zahlungsunfähigkeit die ganze Sendergruppe zu erhalten. Doch es kam anders. 

Zwar musste Kirch wegen Überschuldung im April 2002 Insolvenz anmelden und die Unternehmensgruppe wurde zerschlagen. Viele große Medienunternehmen wurden während der Verhandlungen als potenzielle Käufer gehandelt, etwa Sony, TF1, der Bauer-Verlag, die WAZ-Gruppe oder Rupert Murdoch. Schließlich erhielt im August 2003 ein hierzulande bis dato unbekannter US-amerikanischer Medienunternehmer den Zuschlag: Haim Saban übernahm gemeinsam mit einem Bankenkonsortium die Aktienmehrheit. Damals hieß es, ein wichtiger Teil der Deutschland AG werde an ausländische Investoren verkauft. Auch wenn deutsche Medienpolitiker das durch das Propagieren einer „deutschen Lösung“ noch zu verhindern suchten. Saban aber konnte für nur 525 Millionen Euro ein Herzstück der deutschen TV-Industrie erwerben. „That level of ownership would never be allowed in the U.S. It would be too much concentration“, so Saban 2004 zur New York Times. Während John Malones Übernahmeversuch der deutschen Kabelnetze gescheitert war, konnte Saban die Bedenken der Aufsichtsbehörden ausräumen. Der NYT verriet er sein Erfolgsgeheimnis: „I sweettalked them“. 

Trotz aller Beteuerungen eines langfristigen Engagements entschied sich Saban bereits Mitte 2005 für einen Wiederverkauf von ProSiebenSat.1. Verhandlungen mit der Axel Springer AG über eine Komplettübernahme waren bereits weit gediehen, als das Bundeskartellamt und die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) sich dagegen aussprachen. Die offizielle Begründung rekurrierte auf die nach dem Kartellrecht nicht genehmigungsfähige Marktmacht, die durch einen Zusammenschluss auf dem Fernsehwerbemarkt, dem Lesermarkt für Straßenverkaufszeitungen und dem bundesweiten Anzeigenmarkt für Zeitungen entstünde. Das sich abzeichnende Veto der Behörden führte Anfang 2006 dazu, dass Springer sein Übernahmeangebot zurückzog. In einem zweiten Anlauf einigte sich Saban Ende 2006 mit einem Konsortium ausländischer Finanzinvestoren. Für rund drei Milliarden Euro ging der Konzern an Permira und KKR, am 6. März 2007 erlangte die Mehrheitsübernahme durch die von KKR und Permira kontrollierte Lavena Holding 4 GmbH Rechtskraft. Mit dem größten Deal der deutschen Mediengeschichte hatte Saban sein eingesetztes Kapital nahezu versechsfacht. 

Im Dezember 2007 verkaufte Axel Springer überraschend den 12-prozentigen Anteil an der Sendergruppe für etwa 19 Euro pro Aktie an Permira/KKR. Im Sommer zuvor war eine Aktie noch 30 Euro wert gewesen; im Rückblick erwies sich das Geschäft trotzdem als lukrativ. Trotz der inzwischen erfolgten Fusion mit der von KKR und Permira kontrollierten Fernsehgruppe SBS Broadcasting unterschritt der Kurs 2008 fünf Euro, im März 2009 fiel er zeitweilig unter die 1-Euro-Marke. Anfang 2014 dann verkauften KKR und Permira ihre Anteile an institutionelle Anleger und stiegen aus. Mit ProSiebenSat.1 verdienten sie rund eine halbe Milliarde Euro. 

Mitte 2015 wurde die ProSiebenSat.1 Media AG in die ProSiebenSat.1 Media SE umgewandelt, um eine internationale Expansion in die Digitalsparte zu erleichtern. 2016 stieg das Unternehmen als erstes deutsches Medienunternehmen überhaupt vom MDAX in den DAX auf (2018 wurde die DAX-Listung allerdings wieder aufgehoben). Durch zurückgehende Einschaltquoten und die Konkurrenz von Streaming- und Online-Diensten hat die ProSiebenSat.1-Aktie seit 2016 über die Hälfte an Wert verloren. 

Zu den wichtigen Akquisitionen zählten in der Folge Mehrheitsbeteiligungen an internationalen TV-Produktionsfirmen, so an den britischen Endor Productions (vor allem fiktionale Programme) und CPL Productions („Factual“- und Comedyformate) sowie den israelischen July August Productions. Der AG-eigene Programmvertrieb wurde von „SevenOne International“ in „Red Arrow International“ umbenannt. 

Auf dem deutschen Markt verbuchte die ProSiebenSat.1 Media SE Übernahmen im E-Commerce-Bereich: nach dem Münchner Suchmaschinenoptimierer Booming (von der Holtzbrinck Digital GmbH) die Preisvergleichseite preis24.de (60-prozentiger Anteil) und ebenfalls mehrheitlich „Tropo“, eine deutsche Tochter des Online-Reiseveranstalters Opodo. Auch im Bereich Musik wollte man mit dem im Sommer 2013 gelaunchten und inzwischen längst eingestellten Online-Radio AMPYA wachsen. Im Juni 2015 dann kaufte man für 170 Millionen Euro einen 80-prozentigen Anteil am Preisvergleichsportal Verivox, das wie alle nicht zum Kerngeschäft TV gehörenden Aktivitäten längst auf dem Prüfstand steht.

Im Juli 2022 wurde der US-amerikanische Teil des Produktionsgeschäfts der Red Arrow Studios an die The North Road Company verkauft. Dies betraf die Firmen Kinetic Content, Left/Right, 44 Blue, Half Yard Productions und Dorsey Pictures. Das europäische Produktionsgeschäft bleibt weiter Teil des Entertainment-Business, ebenso bleibt das Vertriebsgeschäft Red Arrow Studios International im Konzern.

Im September 2022 übernahm die ProSiebenSat.1-Gruppe die übrigen 50 Prozent der Anteile an Joyn von Warner Bros. Discovery. Das Joint Venture war mit 2017 Discovery gegründet worden und firmiert seit 2019 unter dem Namen Joyn im Entertainment-Segment der Gruppe.

Das Berlusconi-Unternehmen MediaForEurope (MFE, bis Herbst 2021 Mediaset) hatte 2019 9,6 Prozent der ProSiebenSat.1-Anteile erworben für rund 330 Millionen Euro. Im März 2022 gab MFE bekannt, mehr als 25 Prozent am Konzern zu halten und meldete im Dezember 2022 den „Erwerb von faktischer alleiniger Kontrolle an ProSiebenSat.1 Media SE“ zur Prüfung an (bei der österreichischen Bundeswettbewerbsbehörde). Der Deutsche Journalisten-Verband, ver.di, Markus Söder und andere warnten vor einer „Übernahme durch Berlusconi“, in Pressekommentaren war die Rede von schrillenden Alarmglocken, von „Angst vor Rechtspopulismus und Stellenabbau“ (Tagesspiegel). Doch die KEK hatte im September 2023 keine Bedenken gegen eine Erhöhung von MFE auf 26,6 Prozent.

Die Aktionärsstruktur der ProSiebenSat.1 Media SE am 13. November 2024: MFE 29,99 %, PPF Group (internationaler Finanzkonzern, Amsterdam) 14,94 %, Eigenbesitz 2,70 %, Streubesitz 52,37 %.

Management

Im Frühjahr 2020 wurde der bisherige Finanzchef Rainer Beaujean Vorstandsprecher und folgte damit auf den glücklosen ehemaligen Dyson-Manager Max Conze. Conze hatte 2018 einen relativ florierenden Konzern übernommen, der aufgrund einer gescheiterten Drei-Säulen-Strategie (Entertainment, Content-Produktion und E-Commerce) aber zu einem Übernahmekandidaten wurde. Beaujean kam, zum 1. November 2022 war aber auch für ihn schon wieder Schluss. Der Grund: schlechte Umsatzzahlen der Digitalbeteiligungen (Flaconi, Verivox, Parship), Abgang von Führungskräften, die gesamte Digitalstrategie drohte zu scheitern.

Der neue Mann an der Spitze ist der ehemalige RTL-Manager und gebürtige Niederländer Bert Habets, geboren am 09.01.1971 und zuvor Aufsichtsratsmitglied. Laut ProSiebenSat.1 verfügt Habets über „fundierte Erfahrungen in der Führung globaler Medienunternehmen sowie über umfassendes Know-how bei der Einführung und dem Ausbau von Video-Streaming-Diensten“.

Geschäftsfelder

ProSiebenSat.1 ist in die folgenden Segmente unterteilt:

Entertainment (Umsatz 2024: 2.537 Mio. €):
In der Seven.One Entertainent Group finden sich 15 in der DACH-Region empfangbare Plattformen: SAT.1, ProSieben, Kabel Eins, sixx, SAT.1 Gold, ProSieben Maxx, Kabel Eins Doku, ProSieben FUN, SAT.1 emotions, Kabel Eins CLASSICS, PULS4, PULS 24, ATV I, ATV II, Puls 8.

Und digitale Angebote: hier im Zentrum die „primär werbefinanzierte Streaming-Plattform“ Joyn. Zitat ProSiebenSat.1-Jahresbericht 2024: „Unser Ziel ist es, Joyn zum führenden Superstreamer im deutschsprachigen Raum und damit als frei verfügbare Plattform und zentrale Anlaufstelle für unterschiedlichste Zielgruppen zu etablieren… Auf Joyn finden sich nicht nur unsere eigenen Inhalte, sondern auch die Inhalte zahlreicher Partner… Joyn bietet in Deutschland bereits über 70 Live-Sender und aktuell über 48.000 Programmstunden auf Abruf.“ Dazu: prosieben.de, sat1.de, kabeleins.de, sixx.de, prosiebenmaxx.de, sat1gold.de, kabeleins.doku.de, e-sports, ran.de, Sportdeutschland.tv, yousport, 90. minuten, DRL, Seven.One Media Network, Zappn.

Seven.One Studios (vormals Red Arrow Studios) bündelt die Produktionstöchter aus Deutschland, Großbritannien, Dänemark und Israel sowie den weltweiten Programmvertrieb. Deutsche Töchterfirmen: Redseven Entertainment, Pyjama Pictures, Just Friends Productions, Cheerio Entertainment; europäische Produzenten: Snowman Productions (Dänemark), CPL Productions und Endor Productions (Großbritannien), July August Productions (Israel).

Commerce & Ventures (Umsatz 2024: 1.005 Mio. €):
Die konzerneigenen Investmentarme SevenAccelerator, SevenVentures und SevenGrowth bieten Start-Up-Unternehmen Darlehen und Media-Deals in Form von prominenten Werbeplatzierungen im Programm der ProSiebenSat.1-Sender.

Dating & Video (Umsatz 2024: 375 Mio. €):
ProSiebenSat.1 hält 55 Prozent der Anteile an der internationalen ParshipMeet Holding GmbH, die diverse Online-Dating-Marken in ihrem Portfolio hat. Plattformen wie eharmony, Parship, ElitePartner und LOVOO in Europa, Nordamerika und Australien; Video-basierte Social-Entertainment-Apps wie MeetMe, Skout, Tagged, GROWLr und Yapp weltweit.

Aktuelle Entwicklungen

Im Frühjahr 2024 berichteten das italienische Blatt „Il Messaggero“ und Reuters, dass der Berlusconi-Konzern MediaForEurope (MFE) mit mehreren Banken über die Finanzierung einer Übernahme von ProSiebenSat.1 verhandele. Im November erhöhte MFE die Anteile an ProSiebenSat.1 dann auf 29,99 Prozent – und lag damit knapp unter der kritischen Schwelle von 30 Prozent, bei der man zur Abgabe eines Übernahmeangebots verpflichtet wäre.

Am 05.12.2024 schrieb der Branchendienst Meedia: „Der Kurs von MFE ist schon länger klar: ProSiebenSat.1 soll sich voll und ganz auf sein Entertainment-Geschäft fokussieren – und alle Aktivitäten, die nicht dazu gehören, abstoßen. Im Zuge der letzten Quartalszahlen hatte P7S1 vorsorglich mitgeteilt, dass der Kosmetikversand Flaconi und das Vergleichsportal Verivox kurz vor dem Verkauf stehen (…) Am wahrscheinlichsten gilt, dass MFE erst nach den Verkäufen einen Übernahmeversuch starten wird.“ Weder MFE noch ProSiebenSat.1 wollten den Vorgang kommentieren.

Am 22. März 2025 aber schuf ProSiebenSat.1 weitere Tatsachen. Es wurde bekannt, man wolle Verivox an die italienische Moltiply Group verkaufen, für 231,5 Millionen Euro. Diese Trennung von einer sogenannten Randaktivität war die Voraussetzung für den Deal mit dem US-Finanzinvestor General Atlantic (GA), neuem ProSiebenSat.1-Minderheitsaktionär. Daraufhin konnte ProSiebenSat.1 nämlich die GA-Minderheitsbeteiligungen an ParshipMeet und der NuCom Group übernehmen und wurde so zum alleinigen Eigentümer dieser Internet-Plattformen, ein Hindernis für den Verkauf von Verivox und der Online-Parfümerie Flaconi wurde beseitigt.

Die Hauptaktionäre, MediaForEurope und die tschechische Investmentgesellschaft PPF, hatten von ProSiebenSat.1 ja seit langem eine Trennung von digitalen Vermögenswerten wie Verivox und Flaconi gefordert. MFE hat sich auch über die italienische Großbank Unicredit eine Finanzierung in Höhe von 3,4 Milliarden Euro für eine mögliche Übernahme der deutschen TV-Gruppe gesichert, die, wie es hieß, noch 2025 eingeleitet werden könne.

Dann ging es schnell. Am Mittwochabend, 26.03.2025, schon kündigte die von der Berlusconi-Familie dominierte MFE-Holding ein offizielles Übernahmeangebot an. MFE-Chef Pier Silvio Berlusconi sagte: „Es ist an der Zeit, einen Gang höher zu schalten.“ Man müsse jetzt Wert für die ProSieben-Aktionäre zu schaffen, „bevor es zu spät ist (…) Viele Unternehmen – überzeugt vom Niedergang des Fernsehens – haben sich diversifiziert, indem sie in andere, insbesondere digitale Geschäftsbereiche, investiert haben. Und jetzt haben diese Anbieter Schwierigkeiten.“ Plan von MFE sei nun „eine medien- und länderübergreifende, paneuropäische Gruppe zu schaffen, die als Alternative zu den digitalen Schwergewichten fungiert und das ehrgeizige Ziel erreicht, wettbewerbsfähig zu sein und zu wachsen.“

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